Zehn Minuten Ultraschall gegen Wahnvorstellungen? Was eine neue Studie wirklich zeigt

Zehn Minuten Ultraschall gegen Wahnvorstellungen? Was eine neue Studie wirklich zeigt

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    Neurowissenschaft · Forschungsanalyse · Stand: 24. Oktober 2026

    Hinweis: Dieser Artikel behandelt Schizophrenie, psychotische Symptome und experimentelle Hirnstimulation. Er enthält keine medizinische Behandlungsempfehlung.

    Ein Gerät liegt für wenige Minuten am Kopf, Schallwellen erreichen eine tief gelegene Hirnregion – und anschließend verändern sich Antworten auf Fragen zu belastenden Überzeugungen. So lässt sich eine neue Untersuchung aus New York in einem Satz beschreiben. Doch die entscheidende Nachricht liegt nicht in einer vermeintlichen Heilung: Zehn Menschen nahmen teil, und der beobachtete Unterschied ist zunächst ein Signal für weitere Forschung.

    Am 20. Oktober 2026 veröffentlichten Wei Qi und Kolleginnen und Kollegen in der Fachzeitschrift npj Acoustics eine randomisierte Pilotstudie zur transkraniellen Ultraschallstimulation. Bei Menschen mit Schizophrenie oder schizoaffektiver Störung, die trotz Medikamenten weiterhin psychotische Symptome hatten, fielen die Werte für Wahnvorstellungen nach einer echten Stimulation stärker als nach einer Scheinbehandlung. Ob daraus eines Tages eine wirksame Therapie entsteht, bleibt offen.

    Was wurde tatsächlich getestet?

    Die Studie umfasste zehn ambulant behandelte Erwachsene; ihr Durchschnittsalter lag bei 37,5 Jahren, fünf waren Frauen. Alle erhielten zwei Sitzungen in zufälliger Reihenfolge: einmal eine echte Ultraschallstimulation und einmal eine Scheinbehandlung. Zwischen den Terminen lag eine Woche. Dieses sogenannte Crossover-Design erlaubt einen Vergleich innerhalb derselben Personen, anstatt nur zwei verschiedene Gruppen gegenüberzustellen.

    Für die echte Behandlung verwendete das Team einen durch Magnetresonanztomografie geplanten Zielpunkt im rechten Globus pallidus internus, kurz GPi. Die Anwendung dauerte insgesamt zehn Minuten; die Schallimpulse wurden in abwechselnden 30-Sekunden-Phasen ein- und ausgeschaltet. In der Kontrollbedingung sah die Prozedur ähnlich aus, doch eine technische Barriere verhinderte, dass die Schallenergie wie vorgesehen ins Gehirn gelangte.

    Untersucht wurden nicht nur Wahnvorstellungen, sondern auch akustische Halluzinationen, kognitive Leistungen und mögliche Nebenwirkungen. Die Messungen erfolgten vor und nach den Sitzungen sowie zu mehreren späteren Zeitpunkten, zuletzt nach sieben Tagen. Das ist ein wichtiger Unterschied zu einer einzelnen Befragung unmittelbar nach dem Eingriff.

    Die Zahlen: ein messbarer Unterschied, kein Heilungsbeweis

    Nach Angaben der Forschungsgruppe sank die durchschnittliche Bewertung der Wahnintensität nach der echten Sitzung um etwa 1,2 Punkte. Nach der Scheinbehandlung stieg sie dagegen um etwa 0,4 Punkte. Die Auswertung der wiederholten Messungen ergab für den Unterschied einen p-Wert von 0,002 und eine geschätzte Effektstärke von Cohen’s d = 0,68. Diese Kennzahlen beschreiben ein statistisches Signal in der untersuchten Stichprobe, nicht die Wahrscheinlichkeit einer Heilung.

    Wichtig ist auch, was nicht gezeigt wurde: Für akustische Halluzinationen und allgemeine kognitive Tests ergaben sich keine statistisch überzeugenden Verbesserungen. Die Unterschiede bei Wahnvorstellungen waren noch am siebten Tag der Nachbeobachtung erkennbar. Ob sie darüber hinaus bestehen bleiben, lässt sich aus diesem Versuchsaufbau nicht beantworten.

    Die verwendete Skala DESA erfasst die aktuelle Belastung und Überzeugungsstärke im Alltag. Die Autorinnen und Autoren weisen selbst darauf hin, dass sie nicht als Maß für einen klinisch bedeutsamen Therapieerfolg validiert ist. Ein statistisch auffälliger Wert kann deshalb nicht einfach mit einem spürbaren, dauerhaften Gewinn an Lebensqualität gleichgesetzt werden.

    Warum ausgerechnet diese Hirnregion?

    Der Globus pallidus internus gehört zu den Basalganglien und ist mit Netzwerken verbunden, die Bewegungen, Auswahlprozesse und die Verarbeitung von Informationen beeinflussen. Die Forschenden interessieren sich für einen Schaltkreis zwischen Großhirnrinde, Striatum, Pallidum und Thalamus. Veränderungen in diesem Netzwerk könnten dazu beitragen, dass bestimmte Signale als besonders bedeutsam erlebt werden – eine mögliche Erklärung für einzelne psychotische Symptome.

    Das bleibt eine Hypothese über Mechanismen, keine einfache Landkarte mit einem einzigen „Wahnzentrum“. Psychische Erkrankungen entstehen nicht durch einen isolierten Punkt im Gehirn. Biologische Vorgänge, Erfahrungen und soziale Bedingungen greifen ineinander. Genau deshalb ist die gezielte Veränderung eines Schaltkreises wissenschaftlich interessant, aber als alleinige Erklärung unzureichend.

    Wer mehr darüber lesen möchte, warum komplexes Verhalten nicht auf eine einzelne Hirnregion reduziert werden sollte, findet eine verwandte Perspektive in unserem Beitrag „Das Böse im Gehirn: Wie Neurowissenschaft Diktatoren erklärt“. Der dortige Gegenstand ist ein anderer; gemeinsam ist beiden Themen die Warnung vor neurologischen Kurzschlüssen.

    Wie kann Schall ohne Operation auf Nervenzellen wirken?

    Ultraschall besteht aus mechanischen Schwingungen oberhalb des menschlichen Hörbereichs. Bei der transkraniellen Stimulation werden diese Schwingungen mit einem Schallwandler durch den Schädel auf einen räumlich begrenzten Bereich gerichtet. Anders als bei der tiefen Hirnstimulation müssen dafür keine Elektroden chirurgisch implantiert werden. Und anders als bei einer Ultraschalluntersuchung dient der Schall hier nicht bloß dazu, Bilder zu erzeugen, sondern soll die Aktivität von Nervenzellen beeinflussen.

    Wie die mechanische Energie die Zellaktivität genau verändert, ist noch Gegenstand der Forschung. Diskutiert werden unter anderem Effekte auf Zellmembranen und mechanisch empfindliche Ionenkanäle. Entscheidend sind Frequenz, Intensität, Impulsdauer und die individuelle Anatomie. „Ultraschall“ ist daher kein einheitliches Verfahren, dessen Wirkung sich von einer Studie auf jede andere übertragen ließe.

    KI-generierte schematische Darstellung eines Ultraschall-Schallwandlers am Kopf und eines symbolisch markierten tiefen Hirnziels mit zwei kleinen Vergleichsansichten
    Prinzip der fokussierten Ultraschallstimulation, stark vereinfacht. KI-generierte Symbolgrafik, keine verifizierte Lagezeichnung des GPi, kein Foto der verwendeten Apparatur und keine Visualisierung gemessener Studiendaten.

    Die Grenzen sind größer, als eine Schlagzeile vermuten lässt

    Die wichtigste Einschränkung ist die Stichprobengröße: Zehn Teilnehmende können Hinweise liefern, aber selten belastbar zeigen, wie eine Behandlung in einer vielfältigen Patientengruppe wirkt. Unterschiede im Krankheitsverlauf, in Medikamenten, Erwartungen und Messungen können bei so wenigen Personen stark ins Gewicht fallen.

    Eine zweite Schwäche ist besonders relevant: Die funktionellen MRT-Daten der Studie waren wegen technischer Probleme nicht auswertbar. Deshalb ließ sich nicht unmittelbar belegen, dass die geplante Hirnregion tatsächlich wie angenommen moduliert wurde. Das Ziel war durch anatomische MRT-Bilder geplant; eine funktionelle Bestätigung des Wirkmechanismus fehlte jedoch.

    Drittens war die Verblindung nicht vollkommen abgesichert. Sechs von zehn Personen errieten richtig, welche Sitzung echt war. Bei einer so kleinen Stichprobe beweist das keine systematische Entblindung, schließt Erwartungseffekte aber auch nicht aus. Die Autoren betonen ausdrücklich, dass man die Studie nicht als vollständig doppelblind bezeichnen sollte.

    Viertens wurden nur eine echte Sitzung und sieben Tage Nachbeobachtung untersucht. Seltene Nebenwirkungen, längerfristige Veränderungen und Effekte wiederholter Anwendungen sind damit nicht zuverlässig erfasst. Berichtet wurden milde, vorübergehende Beschwerden wie Kopfschmerzen und Müdigkeit; schwere Ereignisse traten in dieser kleinen Gruppe nicht auf. Das ist ermutigend, ersetzt aber keine umfassende Sicherheitsprüfung.

    Was andere Studien zeigen – und was nicht

    Der neue Versuch steht nicht völlig allein. Eine weitere, im März 2026 online veröffentlichte Studie in Brain Stimulation untersuchte niedrigintensiven fokussierten Ultraschall an anderen striatalen Zielregionen bei Schizophrenie. Dort ging es vor allem um Halluzinationen und funktionelle Verbindungen im Gehirn. Auch diese Ergebnisse sind frühe Machbarkeitsdaten; sie sind kein unabhängiger Beleg dafür, dass die jetzt getestete GPi-Stimulation im Alltag wirksam wäre.

    Die unabhängige Wissenschaftsberichterstattung von Live Science sprach für den neuen Versuch mit Forschenden sowie einem nicht beteiligten Psychiater. Der Tenor ist vorsichtig: Das präzise Erreichen tiefer Regionen ist interessant, aber der Weg von einer kleinen kontrollierten Untersuchung zu einer verlässlichen klinischen Anwendung bleibt lang. Die zwei Arbeiten untersuchen zudem unterschiedliche Zielgebiete und Symptome; ihre Ergebnisse dürfen nicht zu einer gemeinsamen Erfolgsquote addiert werden.

    Welche Fragen müssen die nächsten Versuche beantworten?

    Für eine aussagekräftigere Bewertung braucht es größere, gut verblindete Studien mit vorab festgelegten klinisch relevanten Endpunkten. Sie müssten prüfen, wie stark sich Wahnvorstellungen im Alltag tatsächlich verändern, ob sich auch soziale Teilhabe und Lebensqualität verbessern und wie lange ein möglicher Effekt anhält. Wichtig wären außerdem Bildgebungsdaten, die eine Wirkung am vorgesehenen Zielort stützen.

    Ein weiterer Prüfpunkt ist die Dosis: Der Schädel verändert, wie viel Schall den Zielbereich erreicht. Künftige Teams wollen die Parameter stärker an individuelle anatomische Unterschiede anpassen. Ebenso offen ist, ob mehrere Sitzungen besser wirken als eine einzige und wie sich ein solches Verfahren gegebenenfalls mit bestehenden Behandlungen kombinieren ließe.

    Für Betroffene folgt daraus heute keine Aufforderung, Medikamente abzusetzen oder private Ultraschallangebote auszuprobieren. Die untersuchte Methode ist ein experimentelles Forschungsinstrument und keine etablierte Ersatzbehandlung. Wer Symptome oder Nebenwirkungen erlebt, sollte die weitere Behandlung mit dem zuständigen Fachteam besprechen.

    Fazit: ein interessantes Signal aus einem kleinen Versuch

    Die neue Studie zeigt einen Unterschied zwischen echter und vorgetäuschter Stimulation bei der kurzfristigen Bewertung von Wahnvorstellungen. Sie zeigt nicht, dass Schizophrenie mit zehn Minuten Ultraschall geheilt werden kann. Gerade die unbrauchbaren funktionellen MRT-Daten und die kleine Stichprobe machen deutlich, wie viel zwischen einem statistischen Befund und einer überprüften Therapie liegt.

    Der Fortschritt könnte zunächst in einer anderen Frage liegen: Können Forschende tief liegende Schaltkreise beim Menschen gezielt und ohne Operation untersuchen? Wenn größere Versuche den Befund bestätigen, wäre das ein wichtiger Schritt. Bis dahin ist Zurückhaltung keine Geringschätzung des Ergebnisses, sondern Teil seriöser Wissenschaft.

    Quellen und weiterführende Forschung

    Qi, W. et al. (20.10.2026): Transcranial ultrasound stimulation of the right globus pallidus interna in schizophrenia. npj Acoustics 2, 39. DOI: 10.1038/s44384-026-00076-3.

    NYU Langone Health (20.10.2026): Gentle Brain Ultrasound May Help Ease Delusions in Schizophrenia.

    Live Science, Lauren Schneider (20.10.2026): unabhängige Einordnung mit zusätzlicher Expertenstimme.

    Subramaniam, K. et al. (online 21.03.2026): Low-intensity focused ultrasound targeting striatal circuits in schizophrenia. Brain Stimulation 19(3), 103084.

    ClinicalTrials.gov: NCT05643196, Studienregistrierung 21.11.2022.

    Redaktionsstand: 24. Oktober 2026. Medizinisch sensibles Thema: Dieser Text dient der wissenschaftlichen Einordnung und ist keine Diagnose oder Behandlungsempfehlung.

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    YaYa Marek ist Redakteur bei UniversalPulse24 und erkundet die Schnittstellen von Geschichte, Geist und Zukunft.

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